Fasten - gefährliches Hungern oder Gesundheitsreiz?
Ist Fasten gefährlich oder nützlich - eine wissenschaftliche Betrachtung

„Radikales Fasten nützt nichts.“
So lautete 2015 die Überschrift eines kritischen Zeitungsartikels über den vollständigen Verzicht auf feste Nahrung.
Mehr als zehn Jahre später lohnt sich ein neuer Blick auf diese Aussage. Denn die Fastenforschung hat sich seitdem erheblich weiterentwickelt.
Und wie so oft lautet die wissenschaftliche Antwort weder: „Fasten ist gefährlich“ noch: „Fasten heilt alles“.
Sie ist wesentlich interessanter.
Fasten ist nicht einfach Hungern
Während mehrerer Tage ohne beziehungsweise mit sehr geringer Energiezufuhr verändert der menschliche Körper seine Energieversorgung grundlegend.
Die Glukoseverfügbarkeit sinkt, Insulin fällt ab, Fett wird verstärkt mobilisiert und die Leber produziert zunehmend Ketonkörper. Dieser sogenannte metabolische Switch ermöglicht dem Organismus, einen erheblichen Teil seines Energiebedarfs aus den eigenen Fettreserven zu decken.
Inzwischen wissen wir, dass diese Umstellung wesentlich umfassender ist als früher angenommen.
Eine 2024 in Nature Metabolism veröffentlichte Humanstudie untersuchte rund 3.000 Proteine während eines siebentägigen vollständigen Fastens. Mehr als 1.000 davon veränderten sich signifikant. Besonders nach etwa drei Tagen wurden ausgeprägte Veränderungen in verschiedenen Organ- und Stoffwechselsystemen sichtbar.
Fasten ist damit biologisch alles andere als „Nichtstun“.
Ist Fasten eine Belastung?
Ja.
Aber genau hier beginnt die interessante Diskussion.
Nahrungsmangel ist für den Organismus zunächst ein Stresssignal. Darauf reagiert der Körper mit Anpassungsmechanismen.
Eine neuere Humanstudie zum etwa zehntägigen Wasserfasten zeigte beispielsweise eine verstärkte Fettverbrennung, ausgeprägte Ketose und Veränderungen von Zell- und Proteinabbauprozessen.
Gleichzeitig stiegen jedoch auch verschiedene Entzündungsmarker sowie Signale der Blutplättchenaktivierung an.
Fasten scheint deshalb kein Zustand vollständiger körperlicher „Ruhe“ zu sein.
Möglicherweise lässt es sich treffender als kontrollierter metabolischer Stressreiz beschreiben.
Dieses Prinzip kennt die Medizin auch aus anderen Bereichen.
Sport belastet den Körper zunächst ebenfalls. Herzfrequenz, Stresshormone und oxidativer Stoffwechsel steigen. Der langfristige gesundheitliche Nutzen entsteht nicht, weil Training keinerlei Stress verursacht, sondern weil der Organismus auf diesen begrenzten Reiz mit Anpassung reagiert.
Ein ähnliches Prinzip könnte auch beim Fasten eine Rolle spielen.
Was passiert mit den Muskeln?
Ein häufig genanntes Argument gegen längeres Fasten lautet, der Körper beginne sofort, Muskulatur abzubauen.
Ganz falsch ist dieser Einwand nicht.
Während des Fastens werden neben Fettreserven auch körpereigene Proteine umgesetzt. Dieser Proteinverbrauch verändert sich jedoch im Verlauf des Fastens.
Mit steigender Ketonkörperproduktion kann insbesondere das Gehirn zunehmend Ketonkörper als Energiequelle nutzen. Dadurch sinkt der Bedarf an Glukose – und damit auch die Notwendigkeit, Aminosäuren zur Glukosebildung heranzuziehen.
Interessanterweise fanden Forscher in einer aktuellen Proteomstudie während längerem Fasten sogar molekulare Signaturen, die auf eine Erhaltung von Muskel- und Knochenprozessen hindeuten.
Das bedeutet nicht, dass während einer Fastenperiode keinerlei fettfreie Masse verloren geht.
Gerade für Menschen ab der Lebensmitte sollte der Erhalt von Muskulatur deshalb ein wichtiges Thema bleiben: Bewegung während des Fastens sowie Krafttraining und ausreichende Proteinzufuhr danach sind besonders sinnvoll.
Die pauschale Gleichung
„Fasten = gefährlicher Muskelabbau“
greift jedoch zu kurz.
Verbessert Fasten tatsächlich Gesundheitswerte?
Hier ist die Datenlage mittlerweile erstaunlich umfangreich.
In einer großen Beobachtungsstudie wurden 1.422 Menschen untersucht, die zwischen vier und 21 Tagen nach dem Buchinger-Konzept fasteten.
Während des Fastens verbesserten sich unter anderem:
- Körpergewicht und Bauchumfang,
- Blutdruck,
- Glukosestoffwechsel,
- verschiedene Blutfette.
Schwere Nebenwirkungen waren selten.
Die Studie hat allerdings eine wichtige Einschränkung: Sie war nicht randomisiert und wurde in einer auf Fastentherapie spezialisierten Klinik durchgeführt.
Deshalb beweist sie nicht, dass Fasten für jeden Menschen gesund ist.
Sie widerspricht jedoch deutlich der Vorstellung, mehrtägiges methodisch durchgeführtes Fasten müsse grundsätzlich gesundheitsschädlich sein.
Und was ist mit der „Zellreinigung“?
Hier wird rund um das Fasten gerne übertrieben.
Der häufig verwendete Begriff lautet Autophagie.
Autophagie ist ein natürlicher Recyclingprozess der Zelle. Nicht mehr benötigte oder geschädigte Zellbestandteile werden zerlegt und ihre Bausteine wiederverwendet.
Nährstoffmangel beeinflusst zentrale Signalwege, die an der Regulation der Autophagie beteiligt sind.
Was wir bislang jedoch nicht seriös behaupten können, ist beispielsweise:
„Nach 16 Stunden beginnt die Autophagie.“
oder
„Nach drei Fastentagen werden alle beschädigten Zellen entfernt.“
Solche exakten Zeitangaben sind beim Menschen nicht ausreichend belegt.
Richtig ist hingegen: Die moderne Fastenforschung findet zunehmend Hinweise darauf, dass längere Nahrungspausen Prozesse der zellulären Wartung und des Proteinabbaus beeinflussen.
Kann Fasten uns sogar jünger machen?
Eine der spannendsten Untersuchungen der vergangenen Jahre erschien 2024 in Nature Communications.
Menschen absolvierten drei Monate lang jeweils fünf Tage eine sogenannte Fasting-Mimicking-Diet.
Danach zeigten sich Verbesserungen verschiedener metabolischer Faktoren und Marker der Immunalterung.
Das aus mehreren Blutwerten errechnete biologische Alter sank im Median um knapp zweieinhalb Jahre.
Das klingt spektakulär.
Es bedeutet aber nicht, dass diese Menschen tatsächlich zweieinhalb Jahre ihres Lebens zurückgedreht haben.
Das „biologische Alter“ ist ein statistisch berechneter Biomarker. Ob seine kurzfristige Veränderung tatsächlich dazu führt, dass Menschen länger oder gesünder leben, müssen Langzeitstudien erst zeigen.
Deshalb wäre die Aussage
„Fasten macht jung“
wissenschaftlich ebenso überzogen wie
„Fasten bringt nichts“.
Was wissen wir also heute?
Mehrere Tage Fasten lösen beim Menschen umfangreiche Stoffwechsel- und Anpassungsprozesse aus.
Die Daten zeigen Verbesserungen verschiedener kardiometabolischer Risikofaktoren und zunehmend auch Veränderungen von Signalwegen, Proteinen und Biomarkern, die für Alterungsprozesse interessant sind.
Gleichzeitig kann Fasten ein relevanter physiologischer Stressreiz sein. Es ist nicht für alle Menschen geeignet und sollte insbesondere bei Erkrankungen und Medikamenteneinnahme medizinisch abgeklärt werden.
Und es gibt noch vieles, was wir nicht wissen.
Wir können derzeit nicht beweisen, dass regelmäßiges Buchinger-Fasten das Leben verlängert.
Wir können nicht behaupten, dass es Krebs, Demenz oder andere Alterserkrankungen verhindert.
Und wir können auch nicht seriös versprechen, dass Fasten Menschen „verjüngt“.
Aber eines lässt sich aufgrund der heutigen Forschung ebenfalls nicht mehr sinnvoll behaupten:
Dass ein mehrtägiges Fasten physiologisch einfach nur nutzloser Hunger sei.
Die Wahrheit ist – wie so häufig in der Ernährungswissenschaft – weniger spektakulär als manche Heilsversprechen.
Aber erheblich spannender als manche Schlagzeile.
Quellen:
Die Studienlage zum Fasten entwickelt sich derzeit schnell. Wichtig ist dabei, unterschiedliche Fastenformen nicht gleichzusetzen: Ergebnisse aus Wasserfasten, Fasting-Mimicking-Diets oder Intervallfasten lassen sich nicht automatisch auf das Buchinger-Fasten übertragen.
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